Sechs Stunden Sauna im Platzkart-Waggon brachten uns von Harkiv über die russische Grenze nach Kursk.
Kursk
Falls es jemand nicht weiß (so wie ich bis vor Kurzem): in dieser Stadt war die größte Panzerschlacht der Geschichte (und ich glaube, das ist bis heute auch das einzige Ereignis von überregionaler Bedeutung in Kursk geblieben). In den 6 Stunden, die wir bis zur Weiterfahrt mit dem Nachtzug nach Moskau hatten, konnten wir das Städtchen bequem zu Fuß erkunden.
Das ist der schmucke Bahnhof, der etwa 3 km vom Zentrum entfernt war:
Gleich in Bahnhofsnähe gabs den Eisenbahnerkulturpalast, was nicht weiter verwunderlich war. Echt erstaunlich waren aber seine Dimensionen:
Der Kontrast zur bescheidenen Nachbarschaft war gewaltig:

Die meisten der alten Holzhäuser waren jedoch liebevoll in Stand gehalten und hatten prachtvolle Vorgärten
Natürlich gabs hier eine Leninstraße (in der auch ein Billa-Supermarkt war)
eine Büste von Karl Marx

und einen roten Platz
aber auch ein Stadttheater (von ähnlichen Abmessungen wie der Eisenbahner-Kulturpalast),
schönes Abendlicht, das alten wie neuen Gebäuden schmeichelte
und ein schreckliches Shopping- und Entertainment-Center
in das uns die abendliche Kälte trieb, bevor wir in die Wartehalle des Bahnhofs flüchteten, wo uns dieser Soldat an die historische Schlacht erinnerte
Nach einer Nacht im Zug konnten wir es gar nicht erwarten, als wir am Morgen die Vororte von Moskau passierten: endlich Moskau!
Moskau
Evgenys ehemalige Schulkollegin Tanja und ihr Mann Sergej holten uns vom Bahnhof ab
Sie hatten ein richtiges Sightseeing-Programm für uns vorbereitet und zeigten uns die unter Stalin erbaute Universität
und herrliche Aussichtsplätze, wo man die gigantischen Ausmaße dieser Stadt erahnen konnte
Hier war alles ein bissl größer dimensioniert!
Dann zeigten uns unsere enthusiastischen Fremdenführer die Erlöserkirche (in die ich als einzige von uns vieren reindurfte, weil ich in weiser Voraussicht ein Tuch mitgenommen hatte, um Haare und Schultern zu bedecken)
von der wir den ersten Blick auf den Kreml hatten, den wir am nächsten Tag besuchen würden
Bevor wir in den Kreml gingen, kamen wir am nächsten Morgen grade recht zur Wachablöse am Denkmal des unbekannten Soldaten. Dort wars dann auch erstmals richtig touristisch und wir hatten Mühe, vor lauter Köpfe die Wachen zu sehen:
Gabs schon in Kiev viele Kuppeln und Türme, so übertraf der Kreml alles bisherige:
Als nächstes wollten wir den Roten Platz besuchen, und zwar den echten, nicht den von Kursk.
Evgeny hätte gerne das Lenin-Mausoleum besucht, aber das war leider geschlossen
DER Rote Platz war um einiges größer als sein Kursker Namensvetter
und die berühmte Basilika war das Top-Modell unter den Türmen und Kuppeln!
Im Vergleich mit unseren bisherigen Reisezielen gabs am Roten Platz viele Touristen, verglichen mit Venedig oder Paris waren's jedoch wenige und gleich hinter dem Roten Platz waren wir wieder in gewohnter Art und Weise unter uns:
Nach einer ausgedehnten Runde kehrten wir wieder zurück an den Ausgangspunkt
fotografierten im Park beim Kreml zwei PolizistInnen hoch zu Pferd (wahrscheinlich suchten sie Lenin, der noch keine Lust gehabt hatte, in sein Mausoleum zurückzukehren und im Gegensatz zu diesem verlangten die Berittenen kein Geld fürs Fotografieren)
und das Denkmal des unbekannten Soldaten ließ nichts mehr vom morgendlichen Trubel ahnen
Den nächsten Tag verbrachten wir damit, das ehrfurchtsgebietende U-Bahnnetz zu erkunden (Moskau hat 25 verschiedene U-Bahnlinien!). In den Gängen hatten vergangene Epochen ihre Spuren hinterlassen
und ließen uns einfach durch die Stadt treiben
Am Abend brachte uns Sergej zum Flughafen, denn die geplante Strecke Moskau-Omsk würde länger sein, als die gesamte Strecke, die wir bis jetzt zurückgelegt hatten und im Zug 3 Tage und 3 Nächte dauern.
Omsk
Als wir früh morgens in Omsk ankamen, regnete es in Strömen, und das hatte es offensichtlich schon seit Tagen getan, denn alles war überschwemmt



Es sah ziemlich trostlos aus und das lag nicht nur am Dauerregen. Man sah, dass hier in den letzten Jahren nichts renoviert und in Stand gehalten worden war.
Das ist Muchina, in deren Wohnung wir wohnten
Muchina ging mit uns täglich Touren durch Evgenys und ihre Kindheitserinnerungen, denn die beiden waren zusammen in der Schule und an der Uni gewesen, bis Evgeny vor 15 und Muchina vor 12 Jahren ins Ausland gingen, er weil er ein Stipendium erhalten hatte, sie um einen Amerikaner zu heiraten. Ich kann verstehen, dass einem jedes Mittel recht ist, um Omsk zu verlassen. Bei mir regten sich nämlich bereits nach einer Stunde erste Fluchtgedanken
Das sah aber anders aus damals! Was ist aus den ganzen Blumenbeeten geworden, die wir angelegt haben? Und das Schwimmbad ist auch verfallen!
an einem heldenhaften Lastwagen, den man auf ein Podest gehoben hatte, weil er es geschafft hatte, von Berlin bis Omsk (oder umgekehrt?) durchzuhalten, und der auch schon in Evgenys Kindheit hier stand
an einem Zeitungskiosk, der auch wieder keine Komersant (Evgenys russische Lieblingszeitung) führte
Wenigstens die Uni sah noch so aus wie eh und je.
In der Nähe des Zentrums fanden wir dann erst ein überdimensionales Reh
Unweit davon gabs ein weiteres Wahrzeichen der Stadt, das aussah wie ein Leuchtturm, auch wenn das nächste Meer tausende km weit weg ist
"Das sind die größten Omsker (oder so ähnlich)" stand auf einer Gedenktafel mit großen Buchstaben. Klar, dass Evgeny und Muchina gemeint waren und nicht die ordenbehängten Veteranen, deren Fotos an der Wand daneben hingen!
Das Zentrum war weit gepflegter als das Viertel, in dem wir wohnten. Dort gabs auch ein Theater
Wir besuchten ein Museum mit einer wirklich interessanten Gemälde- und Miniaturensammlung
Das neu renovierte Transportministerium konnte Evgeny gar nicht genug bewundern
aber der nächste Regenguss ließ leider nie lang auf sich warten
Wir blieben eine Woche in Omsk und es regnete JEDEN TAG! Alle Omsker schworen, dass es noch nie in der Geschichte von Omsk eine Woche Dauerregen im August gegeben hatte. Naja, wir wurden ZeugInnen dieses historischen Ereignisses. Ich frage mich, wie ich Omsk wahrgenommen hätte, wäre es die ganze Zeit sonnig gewesen.

Gut, dass wir Muchina hatten, denn sie zeigte uns die kulturellen Highlights von Omsk, wie z. B. die Landwirtschaftsausstellung, in der es neben Traktoren, Hühnern und Schafen auch Schaschlik gab
eine regenresistente Opernsängerin
eine Wolle spinnende Babuschka, die mir übersetzen liess, sie habe nichts gegen mich, auch wenn ich Deutsche wäre (ich wars mittlerweile leid, zu erklären, dass ich KEINE Deutsche bin sondern Österreicherin)Das nächste Highlight, auf das die Omsker schon seit Wochen gewartet hatten, war die Blumenausstellung. Dort sahen wir allerlei Fotomotive
Blumen waren kaum zu sehen, die hatte der Dauerregen ersäuft
und ein paar Straßen weiter wuchsen in einer von allen unbeachteten Ecke diese "letzten Blumen von Omsk"
Der nächste Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens, die 262-Jahrfeier der Stadt Omsk, die mit einer Parade begangen wurde, fand ohne mich statt. Ich zog es vor, den strömenden Regen vom Zimmer aus zu fotografieren, während leicht bekleidete Mädchen keine Wahl hatten und ihren Bezirk Samba tanzend im Regen vertreten mussten

Vielleicht wird man sich noch an die Sintflut von 2009 erinnern...
Nach dieser Erkenntnis, 7 Regentagen und etlichen Treffen mit Evgenys Verwandten und SchulkollegInnen war's Zeit, endlich wieder trockenere Regionen aufzusuchen und wir kauften unser Zugticket nach Astana/Kazachstan.
Zu unserem Erstaunen mussten wir uns beim Ticketkauf zwischen dem "kazachischen und dem russischen Waggon" entscheiden. Was der Unterschied sei? Der Preis! Der kazachische koste 1100 Rubel, der russische 1.700. Und warum? "Weil der kazachische schmutzig ist und der russische sauber" erklärte die Schalterbeamtin im Brustton der Überzeugung, unterstützt von Umstehenden, die erklärten, "die Kazachen sind schmutzig und stinken und machen die ganze Nacht Lärm". Wir waren entsetzt über das Omsker Apartheitsystem und kauften natürlich Tickets für den kazachischen Waggon. Nur soviel: wir haben's nicht bereut. Wir hatten nur nette ReisegefährtInnen, die weder stanken noch lärmten und überdies war der russische mit dem kazachischen Waggon sowohl außen als innen identisch. Da sieht man wieder, wieviel sich Leute ihre Vorurteile kosten lassen :-)
In der Nacht war Vollmond und überdies Mondfinsternis, ja! genau die richtige Nacht um einen neuen Abschnitt zu beginnen

live dabei im Zug:
(da kommt demnächst ein video)
Was, nicht mal 2 Minuten 46 Sekunden Fahrt live durchgehalten ohne ungeduldig zu werden? Und dabei dauerte unsere Fahrt 16 Stunden! Allerdings schliefen wir die meiste Zeit
Gute Nacht also und bis morgen in Kazachstan!
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