Mittwoch, 26. August 2009

Wilder Osten Teil 3: Russland


Sechs Stunden Sauna im Platzkart-Waggon brachten uns von Harkiv über die russische Grenze nach Kursk.

Kursk

Falls es jemand nicht weiß (so wie ich bis vor Kurzem): in dieser Stadt war die größte Panzerschlacht der Geschichte (und ich glaube, das ist bis heute auch das einzige Ereignis von überregionaler Bedeutung in Kursk geblieben). In den 6 Stunden, die wir bis zur Weiterfahrt mit dem Nachtzug nach Moskau hatten, konnten wir das Städtchen bequem zu Fuß erkunden.
Das ist der schmucke Bahnhof, der etwa 3 km vom Zentrum entfernt war:




Gleich in Bahnhofsnähe gabs den Eisenbahnerkulturpalast, was nicht weiter verwunderlich war. Echt erstaunlich waren aber seine Dimensionen:



Der Kontrast zur bescheidenen Nachbarschaft war gewaltig:



Die meisten der alten Holzhäuser waren jedoch liebevoll in Stand gehalten und hatten prachtvolle Vorgärten


Zum ersten Mal (wieder) russischen Boden unter den Füßen! Oben in der Stadt ließen wir unsere bisherige Reise bei einem Abendessen Revue passieren und feierten Evgenys glückliche Heimkehr nach Russland mit deftiger Hausmannskost, allerdings nicht russischer, denn das Lokal hieß Antalya, gehörte einem Türken und hatte türkische Küche.


Natürlich gabs hier eine Leninstraße (in der auch ein Billa-Supermarkt war)


eine Büste von Karl Marx


und einen roten Platz


aber auch ein Stadttheater (von ähnlichen Abmessungen wie der Eisenbahner-Kulturpalast),



schönes Abendlicht, das alten wie neuen Gebäuden schmeichelte


und ein schreckliches Shopping- und Entertainment-Center


in das uns die abendliche Kälte trieb, bevor wir in die Wartehalle des Bahnhofs flüchteten, wo uns dieser Soldat an die historische Schlacht erinnerte


Nach einer Nacht im Zug konnten wir es gar nicht erwarten, als wir am Morgen die Vororte von Moskau passierten: endlich Moskau!


Moskau

Evgenys ehemalige Schulkollegin Tanja und ihr Mann Sergej holten uns vom Bahnhof ab


Sie hatten ein richtiges Sightseeing-Programm für uns vorbereitet und zeigten uns die unter Stalin erbaute Universität




und herrliche Aussichtsplätze, wo man die gigantischen Ausmaße dieser Stadt erahnen konnte


Hier war alles ein bissl größer dimensioniert!


Dann zeigten uns unsere enthusiastischen Fremdenführer die Erlöserkirche (in die ich als einzige von uns vieren reindurfte, weil ich in weiser Voraussicht ein Tuch mitgenommen hatte, um Haare und Schultern zu bedecken)



Gleich daneben gabs eine Brücke über die Moskwa,



von der wir den ersten Blick auf den Kreml hatten, den wir am nächsten Tag besuchen würden

Dann gings zu einem weiteren riesigen Platz mit einem Denkmal, scheinbar der heilige Georg, weil er einen toten Drachen vor sich liegen hatte, aber der war vermutlich allegorisch und sollte der Faschismus sein,

denn gleich daneben war das Museum des 2. Weltkriegs


in dem sämtliche Schlachten des zweiten Weltkriegs in dramatischen, lebensgroßen und drei-dimensionalen Bildern nachgebaut waren. Danach flehte ich um Gnade, denn ich konnte die Augen nicht mehr offen halten. Die kurze Nacht im Zug und meine Erkältung die ich seit Kiev mitschleppte und die sich mittlerweile zu einer Grippe ausgewachsen hatte, setzten mich außer Gefecht. Unsere Gastgeber hatten Erbarmen und brachten uns in ihre Wohnung.

Bevor wir in den Kreml gingen, kamen wir am nächsten Morgen grade recht zur Wachablöse am Denkmal des unbekannten Soldaten. Dort wars dann auch erstmals richtig touristisch und wir hatten Mühe, vor lauter Köpfe die Wachen zu sehen:


Gabs schon in Kiev viele Kuppeln und Türme, so übertraf der Kreml alles bisherige:


Ich würde sagen, die höchste Kuppeldichte, die mir je untergekommen ist.

Als nächstes wollten wir den Roten Platz besuchen, und zwar den echten, nicht den von Kursk.



Evgeny hätte gerne das Lenin-Mausoleum besucht, aber das war leider geschlossen

Kein Wunder: Lenin hatte nämlich an dem Tag Ausgang und trieb sich in der Nähe des Roten Platzes herum, wo er sich gegen Bares bereitwillig mit TouristInnen fotografieren ließ (der Betrag, den er verlangte, war aber so gering, dass man ihn deswegen nicht einen Kapitalisten schimpfen musste)


DER Rote Platz war um einiges größer als sein Kursker Namensvetter



und die berühmte Basilika war das Top-Modell unter den Türmen und Kuppeln!


Im Vergleich mit unseren bisherigen Reisezielen gabs am Roten Platz viele Touristen, verglichen mit Venedig oder Paris waren's jedoch wenige und gleich hinter dem Roten Platz waren wir wieder in gewohnter Art und Weise unter uns:

Auf der anderen Seite der Moskva gings dann ein wenig bescheidener zu mit Kuppeln und Türmen:


Nach einer ausgedehnten Runde kehrten wir wieder zurück an den Ausgangspunkt


fotografierten im Park beim Kreml zwei PolizistInnen hoch zu Pferd (wahrscheinlich suchten sie Lenin, der noch keine Lust gehabt hatte, in sein Mausoleum zurückzukehren und im Gegensatz zu diesem verlangten die Berittenen kein Geld fürs Fotografieren)


und das Denkmal des unbekannten Soldaten ließ nichts mehr vom morgendlichen Trubel ahnen


Den nächsten Tag verbrachten wir damit, das ehrfurchtsgebietende U-Bahnnetz zu erkunden (Moskau hat 25 verschiedene U-Bahnlinien!). In den Gängen hatten vergangene Epochen ihre Spuren hinterlassen


und ließen uns einfach durch die Stadt treiben


Am Abend brachte uns Sergej zum Flughafen, denn die geplante Strecke Moskau-Omsk würde länger sein, als die gesamte Strecke, die wir bis jetzt zurückgelegt hatten und im Zug 3 Tage und 3 Nächte dauern.


Omsk

Als wir früh morgens in Omsk ankamen, regnete es in Strömen, und das hatte es offensichtlich schon seit Tagen getan, denn alles war überschwemmt

Evgeny ist in Omsk aufgewachsen und hat es vor 15 Jahren verlassen. Wir suchten und fanden das Viertel, in dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hatte




Es sah ziemlich trostlos aus und das lag nicht nur am Dauerregen. Man sah, dass hier in den letzten Jahren nichts renoviert und in Stand gehalten worden war.

Das ist Muchina, in deren Wohnung wir wohnten

Die Wohnung war gemütlich und wir teilten sie mit dem sehr sympathischen Kater Barsik

Wir müssen Muchina wirklich dankbar sein, denn die Alternative zu ihrer Wohnung wäre das staatliche Hotel mit dem schönen Namen Turist gewesen, das sehr ans Vlasta (siehe Lemberg) erinnerte

und bestimmt den typischen Geruch hatte. Allerdings hatte Barsik die Idee, Evgenys Schuhe, die im Vorzimmer standen, zu markieren und die rochen danach auch ziemlich staatlich :-)

Muchina ging mit uns täglich Touren durch Evgenys und ihre Kindheitserinnerungen, denn die beiden waren zusammen in der Schule und an der Uni gewesen, bis Evgeny vor 15 und Muchina vor 12 Jahren ins Ausland gingen, er weil er ein Stipendium erhalten hatte, sie um einen Amerikaner zu heiraten. Ich kann verstehen, dass einem jedes Mittel recht ist, um Omsk zu verlassen. Bei mir regten sich nämlich bereits nach einer Stunde erste Fluchtgedanken

Muchina und Evgeny auf dem Weg zu ihrer ehemaligen Schule

Das ist sie!


Das sah aber anders aus damals! Was ist aus den ganzen Blumenbeeten geworden, die wir angelegt haben? Und das Schwimmbad ist auch verfallen!

Dann machten wir uns auf den Weg zur Uni. Unterwegs kamen wir an dem Studentenwohnheim vorbei, in dem Evgeny jahrelang mit seinen Eltern gewohnt hatte,


an einem heldenhaften Lastwagen, den man auf ein Podest gehoben hatte, weil er es geschafft hatte, von Berlin bis Omsk (oder umgekehrt?) durchzuhalten, und der auch schon in Evgenys Kindheit hier stand


an einem Zeitungskiosk, der auch wieder keine Komersant (Evgenys russische Lieblingszeitung) führte

und an einem Obststand, der ein wenig Farbe in den Regentag brachte.


Wenigstens die Uni sah noch so aus wie eh und je.

Am Ufer des Flusses Jirtisch suchten und fanden wir den Strand aus Evgenys Kindheit


und einen kleinen Vergnügungspark mit Riesenrad, von dem man eine schöne Aussicht hatte auf den Fluss

und auf den Sportplatz, wo Evgeny als Kind geturnt hat

Aber was ist das?

Am anderen Ufer des Jirtisch war in den letzten 15 Jahren ein riesiges, modernes Wohnviertel entstanden. Alle, die sich's leisten konnten, zogen dort hin und die alten Viertel der Stadt verfielen nach und nach


In der Nähe des Zentrums fanden wir dann erst ein überdimensionales Reh

und dann eine Kirche, die Evgeny neu waren. Sie war irgendwann von den Sowjets abgerissen und vor Kurzem originalgetreu wieder aufgebaut worden. Sie war schön, hatte aber trotzdem etwas von einem Fremdkörper auf ihrem Platz gleich gegenüber vom Sitz des KGB.



Unweit davon gabs ein weiteres Wahrzeichen der Stadt, das aussah wie ein Leuchtturm, auch wenn das nächste Meer tausende km weit weg ist


"Das sind die größten Omsker (oder so ähnlich)" stand auf einer Gedenktafel mit großen Buchstaben. Klar, dass Evgeny und Muchina gemeint waren und nicht die ordenbehängten Veteranen, deren Fotos an der Wand daneben hingen!


Das Zentrum war weit gepflegter als das Viertel, in dem wir wohnten. Dort gabs auch ein Theater

und hinter einem Park den Sitz der Stadtverwaltung.

Auch die Leninstraße war noch da, juchu!


Wir besuchten ein Museum mit einer wirklich interessanten Gemälde- und Miniaturensammlung

und eines, das im einstigen Wohnhaus eines berühmten Malers der Stadt untergebracht war


Das neu renovierte Transportministerium konnte Evgeny gar nicht genug bewundern

Ich wiederum war von dieser Toilette (in einem neu renovierten Theater im Zentrum) begeistert. Mir war ja in den letzten Wochen einiges an Toiletten untergekommen, selbst solche ohne Türen, aber eine Dreiertoilette hatte ich noch nie gesehen! Als ich es Evgeny und Muchina erzählte, die draußen auf mich gewartet hatten, sahen sie mich verständnislos an: was ist dran komisch? In unserer Schule war das auch so.

Zwischendurch regnete es immer wieder mal ordentlich

Manche nahmen's gelassen

Wenn es grade nicht regnete, sahs hier wirklich ganz nett aus






aber der nächste Regenguss ließ leider nie lang auf sich warten


Wir blieben eine Woche in Omsk und es regnete JEDEN TAG! Alle Omsker schworen, dass es noch nie in der Geschichte von Omsk eine Woche Dauerregen im August gegeben hatte. Naja, wir wurden ZeugInnen dieses historischen Ereignisses. Ich frage mich, wie ich Omsk wahrgenommen hätte, wäre es die ganze Zeit sonnig gewesen.


Gut, dass wir Muchina hatten, denn sie zeigte uns die kulturellen Highlights von Omsk, wie z. B. die Landwirtschaftsausstellung, in der es neben Traktoren, Hühnern und Schafen auch Schaschlik gab


eine regenresistente Opernsängerin

einen Bären (Foto c Muchina)

eine Wolle spinnende Babuschka, die mir übersetzen liess, sie habe nichts gegen mich, auch wenn ich Deutsche wäre (ich wars mittlerweile leid, zu erklären, dass ich KEINE Deutsche bin sondern Österreicherin)

und eine kazachische Jurte


Das nächste Highlight, auf das die Omsker schon seit Wochen gewartet hatten, war die Blumenausstellung. Dort sahen wir allerlei Fotomotive



Blumen waren kaum zu sehen, die hatte der Dauerregen ersäuft

Dafür gabs Kartoffeln in allen Variationen


und ein paar Straßen weiter wuchsen in einer von allen unbeachteten Ecke diese "letzten Blumen von Omsk"

Der nächste Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens, die 262-Jahrfeier der Stadt Omsk, die mit einer Parade begangen wurde, fand ohne mich statt. Ich zog es vor, den strömenden Regen vom Zimmer aus zu fotografieren, während leicht bekleidete Mädchen keine Wahl hatten und ihren Bezirk Samba tanzend im Regen vertreten mussten

Was mir wirklich gefiel in Omsk, waren die ursprünglichen alten Holzhäuser

Doch leider sind sie dem Untergang geweiht: Die meisten von ihnen stehen leer und warten nur noch darauf, abgerissen und durch neue Wohnbauten, die mehr Profit bringen, ersetzt zu werden, ewig schade drum!




In einigen Jahren wird man sich nicht mehr erinnern, was den Charme dieser depressiven Stadt ausmachte

wenn alles Alte weggerissen und durch Neues ersetzt wurde



Vielleicht wird man sich noch an die Sintflut von 2009 erinnern...

Wenn sich der Regen allzusehr auf meine Laune geschlagen hatte, wurde ich von Evgeny mit Küssen entschädigt

und selbst der Himmel hatte dann ein Einsehen und schickte ein paar die Seele labende Abendstimmungsbilder



Am besten gefiel mir der Fluss Jirtisch, der sehr viele Gesichter hatte





Jetzt verstand ich, warum mir Evgeny so oft von diesem Fluss erzählt hatte: er war die Seele der Stadt, dort wandelte sich die Omsker Depression in tröstliche Melancholie.

Nach dieser Erkenntnis, 7 Regentagen und etlichen Treffen mit Evgenys Verwandten und SchulkollegInnen war's Zeit, endlich wieder trockenere Regionen aufzusuchen und wir kauften unser Zugticket nach Astana/Kazachstan.
Zu unserem Erstaunen mussten wir uns beim Ticketkauf zwischen dem "kazachischen und dem russischen Waggon" entscheiden. Was der Unterschied sei? Der Preis! Der kazachische koste 1100 Rubel, der russische 1.700. Und warum? "Weil der kazachische schmutzig ist und der russische sauber" erklärte die Schalterbeamtin im Brustton der Überzeugung, unterstützt von Umstehenden, die erklärten, "die Kazachen sind schmutzig und stinken und machen die ganze Nacht Lärm". Wir waren entsetzt über das Omsker Apartheitsystem und kauften natürlich Tickets für den kazachischen Waggon. Nur soviel: wir haben's nicht bereut. Wir hatten nur nette ReisegefährtInnen, die weder stanken noch lärmten und überdies war der russische mit dem kazachischen Waggon sowohl außen als innen identisch. Da sieht man wieder, wieviel sich Leute ihre Vorurteile kosten lassen :-)




In der Nacht war Vollmond und überdies Mondfinsternis, ja! genau die richtige Nacht um einen neuen Abschnitt zu beginnen


live dabei im Zug:

(da kommt demnächst ein video)

Was, nicht mal 2 Minuten 46 Sekunden Fahrt live durchgehalten ohne ungeduldig zu werden? Und dabei dauerte unsere Fahrt 16 Stunden! Allerdings schliefen wir die meiste Zeit


Gute Nacht also und bis morgen in Kazachstan!