Sonntag, 16. August 2009

Wilder Osten Teil 2: Ukraine

Nach Ungarn war es positiv, dass sich in der Ukraine zumindest einer von uns beiden verständigen konnte. Im beschaulichen Beregsaz, wie der Ort Berehove von den großteils ungarischen Einheimischen genannt wird, gab es außer einem Sowjetdenkmal und unasphaltierten Straßen ohne Kanaldeckel (wo wir die Kamera lieber nicht auspackten) auch ein wirklich erstklassiges Restaurant in dem wir fürstlich um umgerechnet 10 € (für 2!) aßen.




















Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Bus weiter in die Bezirksstadt Mukacheve. Dort fanden wir neben meinem liebsten Fotomotiv Evgeny alte Mauern und fast ebenso alte Autos und schöne Aussichten,












































einen Schmetterling und eine Kapelle, die perfekt zu meinem Kleid passten, eine interessante Kirche, kleine Gassen und verwunschene Gärten.

















































Von Mukacheve fuhren wir mit dem Bus 4 Stunden lang durchs Hügelland der Karpaten Richtung Lemberg, vorbei an Wiesen, Wäldern, Flüssen, Dörfern, Städtchen, Kühen und Pferden. Vor Lemberg (Lviv) wurde es wieder flach





In Lemberg angekommen machten wir uns auf die Suche nach dem billigen Hotel das unser Reiseführer empfahl (mit dem Beisatz: wenn man auf Sowjet-Charme steht). Das erste, was wir in der angegebenen Straße fanden, war ein violettes Haus, das sich als Sitz der Ukrainischen Militärpolizei herausstellte. Mut zur Farbe, muss man sagen!



Unweit davon stand die Militärakademie



und auf der andern Straßenseite eine Brauerei


Was das mal war, konnten wir nicht mehr feststellen:


Unweit davon fanden wir auf jeden Fall unser Hotel:

Das Vlasta hatte ohne Zweifel auch schon bessere Zeiten gesehen. Es überraschte uns nicht, dass es im Besitz des Verteidugungsministeriums ist, wie uns die Tafel links erklärte. Es überraschte uns auch nicht, dass die blond gefärbte und auftoupierte Matrone am Empfang den Charme einer Finanzbeamtin hatte, bei der man seinen Steuerausgleich einreichen will. Natürlich gäbe es kein warmes Wasser (was für eine Frage!) und wir könnten jederzeit ein anderes Hotel aufsuchen und für Qualitätsfragen sei sie nicht zuständig.



Der Zustand des Badezimmers überraschte dann doch ein wenig (außerdem gab es bloss eine Kakerlake, und wir hatten doch ein Zimmer für 2!). Das ist also Sowjet-Charme? Naja, ist ja nur für eine Nacht. Also: Koffer dortlassen und gleich wieder raus aus dem Hotel um die abendliche Stadt anzusehen:




Beim Weg ins Zentrum bekamen wir schon eine Ahnung, was das Flair von Lemberg ausmacht


Diese Straße tauften wir wegen ihres Zustands Beirut 1982 (oder wars 1986, Evgeny?). Wir hatten das dringende Gefühl, dass man sich hier nicht Nachts herumtreiben sollte.
Gar nicht weit davon war die Oper, die sehr an ihr Wiener Gegenstück erinnerte (kein Wunder, bei der Geschichte, die Lemberg hat)


Aber auch den neueren Epochen waren Denkmäler gesetzt worden:





Die schöne Altstadt lud zum entspannten abendlichen Prominieren ein: Hektik war hier scheinbar unbekannt


Am nächsten Morgen frühstückten wir deftig am Markt. Es gab Vareniki gefüllt mit Kartoffeln und Pilzen, dazu Tee, während es die Marktfrauen am Nebentisch noch deftiger liebten: sie tranken bereits um 10:00 vormittags Bier und Wodka dazu!

Der Markt daneben war eine Augenweide:


Auf dem Weg ins armenische Viertel kamen wir auch durch die Beirutgasse, die bei Tag ein wenig ansprechender aussah:


Die armenische Kirche von 1363 war von außen schlicht...


...aber von innen ein wahres Juwel



Jetzt suchten und fanden wir das armenische Cafe, das uns empfohlen worden war


wo noch Kaffee auf traditionelle armenische Art zubereitet wird. Er wird in heissem Sand zum Kochen gebracht und schmeckt wunderbar



Zwei Dinge fielen uns in Lemberg auf: die schönen alten Häuser, und die entspannte Atmosphäre: Schlendern und Plaudern schien hier das Normal zu sein, nicht Hetzen und Lärmen




Wir wären wohl noch länger in Lemberg geblieben, aber eine nette Bar, in der wir aßen, erinnerte uns auf Grund der mutigen Farben an den Sitz der Militärpolizei...


...und somit an die Straße, in der unser unseliges Hotel stand. Noch eine Nacht in dieser Bude? Nein!!!!!!!! Also auf zum Bahnhof und Tickets für den Nachtzug nach Kiev kaufen



Da kam Freude auf, als wir unsere Platzkart-Tickets in der Tasche hatten, die weniger kosteten als eine weitere Nacht im Vlasta und uns überdies 650 km weit nach Kiev bringen würden


...UND TSCHÜSS, Vlasta!!!

(das ist die Eingangshalle vom Vlasta. Man könnte sagen, architektonisch durchaus interessant, aber was man hier sieht, ist nur die halbe Wahrheit. Immerhin riecht man am Foto nicht, dass die Halle nach Katzenpisse roch. Da das staatliche Hotel Latoriza in Mukacheve in der Halle genauso gerochen hatte, gehe ich davon aus, dass sie noch ein staatliches Putzmittel aus der Sowjetzeit übrig haben, dem aus Kostengründen Katzenpisse zugesetzt ist, und das diesen typischen Geruch verbreitet)

Hurra, nix wie rein in den Zug

So sieht man aus, wenn man morgens Tee trinkt und die Nacht kuschelig mit 53 anderen im Platzkart-Waggon (auf Pritschen ohne Türen oder Sichtschutz, also Intimsphäre gibts keine) verbracht hat und NICHT im Hotel Vlasta (und das Klo im Zug war auch schöner!)...



...und schon ahnt, was einen in Kiev erwartet:


Life's good, sagten wir uns auch, als wir in Kiev ankamen und machten uns auf die Suche nach unserem Hotel, das wir diesmal im Internet gefunden hatten. An der Adresse in einem Außenbezirk von Kiev angekommen, fanden wir allerdings kein Hotel, sondern eine Fahrschule, die in einem ehemaligen sowjetischen Turnverein untergebracht war:



Wir fragten den Portier. Hier seien wir schon richtig: bei der Hintertür wieder raus und über den Hof



Wir befürchteten Sowjetcharme und fanden zu unserer Überraschung im Hinterhof in einem ehemaligen Fabriksgebäude ein kleines, feines Hotel namens Minihotel Anastasia mit freundlicher Rezeptionistin, warmem Wasser und lichtdurchfluteten sauberen Zimmern. Es hatte keinen Haken und kostete umgerechnet nur 30€ für zwei, also um 5€ mehr als das Vlasta!


und es hatte sogar Aussicht: auf einen Marillenbaum und die Uralt-Autos der Fahrschule.

Mit so einer Bleibe zum Relaxen ließ sich Kiev länger als Lemberg aushalten. Wir blieben drei Tage in der abwechslungsreichsten aller Städte, die wir auf unserer Reise besucht hatten. Hier gabs abwechslungsreiche Archtektur




(Evgeny sieht sehnsüchtig zum gelben Haus hinüber: Hier würden wir gern wohnen!)


und archaiische Krieger



Pharaonisches in Riesendimensionen


Dann gabs noch jede Menge Gold und Kuppeln



und den majestätischen Fluss Dnjepr


stille Gärten mitten in der Stadt, die sonst keiner besuchte

(der Eintritt in das Kloster, zu dem die beiden vorigen Bilder gehören, kostete 2 Grivna = 15 Cent. Nur zum Vergleich: die Benutzung der öffentlichen Toilette am Bahnhof kostete 4 Grivna. Da sieht man die Wertschätzung, die die Ukrainer für ihre Kulturgüter haben;-)

außerdem noch bunte Straßensängerinnen



und ein Wiener Kaffee ( oder das, was man sich in der Ukraine drunter vorstellt, in dem Kaffee und Mehlspeisen mehr kosteten als in Wien und wo die Klimaanlage so kalt eingestellt war, dass ich am nächsten Tag vor Halsweh nicht mehr reden konnte)


Da war dann noch ein hilfsbereiter Hund:

(Gut, dass er die Tasche für sein Frauerl trägt, sie hat eh schon ganz runtergezogene Mundwinkel vom Taschen tragen!)



und das ist"Mutter Heimat", die über allem steht. Allerdings weiss sie in der Ukraine nicht, ob die Waffen hier zu ihrem Schutz da sind, oder sie bedrohen, also nimmt sie sicherheitshalber schon mal die Hände hoch ;-)

So schön und vielfältig Kiev auch war: nach drei Tagen hieß es weiterfahren, denn wir hatten noch einen weiten Weg vor uns. Mit dem Zug fuhren wir nach Harkiv in der Ostukraine, woher auch unsere Pritschennachbarin stammte. Sie empfahl uns dort das Hotel Harkiv.

Dort angekommen bewunderten wir erst mal den schönsten Bahnhof unserer Reise:


Es war noch zeitig am Morgen und wir machten uns auf, das Hotel Harkiv zu suchen


Schließlich fanden wir den gigantischen Hauptplatz, der im Laufe seiner Geschichte schon so viele Namen hatte, dass sich selbst die Harkiver nicht einig waren, wie er grade hieß. Jedenfalls ist er mit 10 ha (!) einer der größten Plätze auf der Welt. Als wir dort waren, war er grade in eine Riesensandkiste umfunktioniert worden, wo alles was Rang und Namen hatte, vertreten war:



Lenin ließ sich dadurch aber auch nicht aus der Ruhe bringen und hielt am anderen Ende des Platzes die Stellung:

Das Hotel Harkiv fanden wir schließlich auch, allerdings war es 5-Stern und für Vlasta-erprobte Extremtouristen wie uns nicht geeignet. Wir trabten also zurück zum Bahnhof und fragten im staatlichen Hotel Express (alles wie gehabt: Geruch, Matrone am Schalter, Sowjetcharme ;-) nach einem Zimmer, nach Möglichkeit an der dem Bahnhof abgewandten Seite. Die Matrone erklärte stolz: "den Zug hört man in allen Zimmern", als würde sie sagen: "Alle Zimmer haben Meerblick". Der Blick aus unserem Zimmerfenster im 13. Stock auf den geschäftigen Bahnhof war dann auch wirklich atemberaubend (nur durch die fast blinden Scheiben getrübt) und abends, nachts und frühmorgens eigentlich das Schönste, das Harkiv zu bieten hatte:

Die paar Springbrunnen, die Harkiv außerdem noch zu bieten hatte, waren schnell besichtigt


und am zweiten Tag konnten wir dem Lockruf der Eisenbahn nicht mehr widerstehen (so hautnah erlebt man den auch selten) und kauften uns Platzkart nach Kursk, das unsere erste Staion in Russland sein sollte

der eckige Kasten hinten ist, unschwer zu erraten, das Hotel Express.

Übermorgen gehts weiter mit Wilder Osten Teil 3: Russland


lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll

3 Kommentare: